Kapitalabzug führt zu Frieden zwischen
Israel und Palästina
von Shamai Leibovitz
The Jordan Times
Dienstag, 30. November 2004
Als ein Bürger Israels und ehemaliger Panzergrenadier der
israelischen Armee muß ich erklären, warum ich, zusammen mit
vielen anderen Juden, für einen Abzug von Investitionen aus
Israel eintrete. Wir fordern die Stadt Sommerville (USA), so wie
viele andere Städte und kommunale Einrichtungen auf, Geldflüsse
von Firmen abzuziehen, die Waffen, Bulldozer und
Militärtechnologie verkaufen, welche die israelische Armee
verwendet, um Kriegsverbrechen an Palästinensern zu begehen. Als
Menschen die für Menschenrechte für alle Menschen eintreten,
rufen wir Amerikaner dazu auf, ihre Steuergelder nicht in Firmen
zu investieren, die Ausrüstung und Munition für Israels
andauernde und bestürzende Menschenrechtsverletzungen und seine
Verletzungen internationalen Rechts zur Verfügung stellen.
Als junger Soldat im Dienst der israelischen Armee wurde mir
befohlen, Kriegsverbrechen in besetzten palästinensischen
Gebieten zu begehen. Meine Einheit führte kollektive Vergeltung
an palästinensischen Gemeinden durch.Sie verschoß Munition auf
unbewaffnete Zivilisten, mordete Frauen und Kinder, befahl
verlängerte Ausgansgssperren die humanitäre Katastrophen
auslösten, verhaftete Palästinenser und kerkerte sie ohne
Anklage ein. Wir zerstörten ihre Häuser, Eigentum und Ernten.
Augenzeuge dieser Kriegsverbrechen zu sein hat mich letztlich
veranlasst, mich einem Einsatz in den besetzten Gebieten im Jahr
1994 zu verweigern und das auch öffentlich kundzutun.
Aber die israelische Regierung, unbeeindruckt von der wachsenden
"refusenik"/Verweigerungsbewegung, setzte die entmenschlichende
Besatzung weiter fort. Mehr als 3,5 Millionen Palästinenser
leben weiter unter militärischer Besatzung und waren Opfer von
Bomben, Tötungen , Folter, Häuserzerstörungen, Inhaftierungen
ohne rechtlicher Basis, Deportationen und eine Unmenge von
Menschenrechtsverletzungen. Dutzende Juden waren unter den
vielen Unterstützern der "divestment resolution"; die sich am 8.
November im Rathaus von Sommerville (USA) zusammenfanden. Ich
und viele andere sprachen sich für diese Resolution aus. Wir
meinten, daß gerade weil wir Juden waren und uns Israel sehr
verbunden fühlen, wir die Stadt Sommerville bitten, diese
Resolution zu beschliessen. Alle, die wir in Sommerville waren,
waren tief getroffen von dort geäußerten Vorwürfen wie
"Antisemit" oder "Anti-Israel". Leute, die das Konzept von
Antisemtismus mißbrauchen, um die rassistische Politik gegenüber
Palästinensern zu unterstützen machen nicht mehr und nicht
weniger als die Erinnerung an die jüdischen Opfer des wahren
Antisemitismus zu entweihen.
Ich habe zu oft das Argument gehört:"jetzt ist nicht der
richtige Zeitpunkt um Kapital abzuziehen, weil Israel in einem
Friedensprozeß gebunden ist."
Das "Friedensprozeß"-Argument wurde für viele Jahre als
Entschuldigung benützt, um weiter Leid, Demütigung und
Zerstörung palästinensischer Existenzen in der West Bank und
Gaza voranzutreiben. Es ist hoch an der Zeit mit diesem Mythos
aufzuräumen. Es ist mittlerweile deutlich, daß auch während der
Verhandlungen zum Osloer Abkommen, Israel der Welt Sand in die
Augen gestreut hat.
Israel hat eigene Bürger auf beschlagnahmten palästinensischem
Land in den besetzten Gebieten angesiedelt, gegen Artikel 49 der
Vierten Genfer Deklaration verstoßen, während es gleichzeitig
ein brutales Militärregime einsetzte und 3,5 Millionen
Palästinenser unterdrückte. Es war das erklärte Ziel
israelischer Propaganda die brutale Wirklichkeit der Okkupation
zu verbergen. Zu diesem Zweck bauten israelische Regierungen
immer wieder "Friedenspläne" auf , ebenso eine feine "wir wollen
nur Frieden"- Propangandamaschinerie. Mit der Zeit aber sahen
wir, die wir in Israel lebten und die besetzten Gebiete
besuchten oder dort als Soldaten dienten, die Wirklichkeit:
Israel verstärkte ein hartes Militärregime, welches Millionen
Palästinenser alle Menschen-, Bürger-, und politischen Rechte
verweigerte, während es immer mehr jüdische Siedlungen nur für
Juden baute, die im Genuß voller Bürger- und politischer Rechte
sind. Da ich als Israeli sehr vertraut bin mit israelischer
Politik, glaube ich, daß ein selektiver wirtschaftlicher Druck
der effizienteste Weg ist, um die brutale Besatzung der West
Bank und des Gaza Streifens zu beenden und Frieden und
Sicherheit für Israelis und Palästinenser zu garantieren. Wenn
das jüdische Volk je "ein Licht unter den Völkern"(Isaiah 42:6)
werden soll und zu seinen Kerntugenden von Gerechtigkeit und
Menschenwürde zurückfinden soll, müssen Israelis und Juden mit
einem Gewissen für effektive Maßnahmen eintreten die die
Besatzung von Millionen Palästinensern beenden.
Ich sehe ein wie hart es für amerikanische Juden sein muß,
Kapitalabzug als Konzept zu akzeptieren, aber sie sollen
verstehen, daß diese schmerzhaften Maßnahmen mit der Zeit auf
einen Weg des Friedens und der Sicherheit führen werden.Der Ruf
nach Kapitalabzug spiegelt wahre Loyalität für Israels
friedliche Existenz und auch für die höchsten jüdischen Tugenden
wieder. Ich bitte jüdische Gemeinden, als auch andere Gemeinden
in den USA: wenn Sie wirklich in Ihrem Leben sehen wollen ,wie
Israelis in Frieden mit Palästinensern leben, treten Sie mit uns
für Resolutionen ein, die einen Kapitalabzug befürworten.
Der Autor ist ein israelischer Anwalt für Menschenrechte, Enkel
eines der größten Denker Israels, Yeshayahu Leibovitz, Veteran
der israelischen Armee, der sich weigerte, als Reservist in den
besetzten Gebieten zu dienen. Seine Ausführungen schrieb er
anläßlich einer öffentlichen Sitzung des Gemeinderates von
Somerville, Massachusetts am 8.November, in der es um eine
Resolution ging, von Aktien und Firmen, die von den israelischen
Menschenrechtsverletzungen an Palästinensern profitieren,
Kapital abzuziehen.
Wenn dieser Gemeinderatsentscheid beschlossen wird, wäre
Somerville die erste Stadt der Welt die solch eine Resolution
gutheißt.
Er schrieb diesen Artikel für die Jordan Times.
Übersetzung: Dr.R.Miller
P.S.: Der Gemeinderat hat die Resolution nicht beschlossen, der
Artikel erscheint uns dennoch lesenswert!
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