„Keine Bühne für Völkermord“: Palästinensischer Botschafter Salah Abdel Shafi spricht auf Großdemonstration in Wien
2026-05-16
Am Samstag, dem 16. Mai 2026, versammelten sich Tausende Menschen in Wien zu einer kraftvollen Großdemonstration unter dem Motto „Keine Bühne zur Legitimation des Völkermords – Freiheit für Palästina“. Unterstützt von einem breiten Bündnis, das viele palästinensische Institutionen sowie österreichische und internationale Solidaritätsgruppen umfasst, zog der Protestzug vom Christian-Broder-Platz zum Ludo-Hartmann-Platz. Die Demonstration richtete sich dezidiert gegen die Normalisierung der Besatzungs- und Apartheidpolitik durch globale Kulturplattformen wie den Eurovision Song Contest und forderte ein Ende der österreichischen und europäischen Mitschuld.

Der palästinensische Botschafter Salah Abdel Shafi hielt eine Eröffnungsrede, in der er Folgendes ausführte:

„Liebe Freunde, die Teilnahme Israels an dem europäischen Song Contest Eurovision ist ein Versuch, den Völkermord zu normalisieren. Das ist ein moralischer Verfall Europas—in einem Land, das einen Völkermord verübt; ein Land, das seit 1948 ethnische Säuberungen durchführt. Übrigens jährte sich gestern der Beginn der Nakba zum 78. Mal. Ein Land, das die Todesstrafe nur und ausschließlich für Palästinenser beschließt; ein Land, das täglich Kinder und Frauen ermordet—und dennoch wird so einem Land eine Bühne geboten.

Liebe Freunde, was Israel an Gräueltaten tut, hat uns Palästinenser nie schockiert. Was uns schockiert, ist die europäische und weltweite Position, dass Israel nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Kunst, Kultur und Musik können nie neutral sein. Kunst, Kultur und Musik haben eine Botschaft—eine humanistische Botschaft. Und deswegen ist die Einladung Israels eine Beleidigung für die Kunst, für die Kultur, für die Musik und für die Menschheit. Genau deswegen erheben wir unsere Stimme. Wir sind vereint für den Frieden, vereint für die Menschlichkeit.

Aber nicht für einen Genozid, nicht für einen Völkermord, nicht für eine ethnische Säuberung! Es muss Schluss gemacht werden mit dieser Heuchelei. Die Europäische Union hat es nicht einmal geschafft, das Assoziierungsabkommen mit Israel auszusetzen, obwohl Artikel 2 dieses Abkommens klipp und klar sagt: Wenn das Land das Völkerrecht nicht respektiert, muss dieses Abkommen ausgesetzt werden. Und warum? Weil Länder in der EU das blockieren. Ausgerechnet jene Länder der Täter, die eines der größten Verbrechen der Geschichte verübt haben—den Holocaust—, sind diejenigen, die sich dagegen wehren, Israel zur Rechenschaft zu ziehen.

Und wie ich vorhin gesagt habe: Der Beginn der Nakba jährte sich zum 78. Mal. Die Nakba, die Katastrophe, die Vertreibung des palästinensischen Volkes aus seiner Heimat, war ein Kapitel. Was wir heute erleben, ist das brutalste—das brutalste Kapitel der jüngsten Geschichte. Das ist ein Völkermord, der genau dokumentiert wird. Niemand—niemand—kann behaupten: „Wir wussten es nicht.“ Damals, während des Holocausts, haben viele gesagt: „Wir wussten es nicht.“ Heute kann niemand behaupten, dass sie es nicht wussten. Alles ist dokumentiert. Wir sehen das tagtäglich in den sozialen Medien, in den Nachrichten, auf unseren Bildschirmen. Der Völkermord ist jeden Tag bei uns zu Hause, und deswegen werden die Kinder und Enkelkinder dieser Politiker sie eines Tages fragen: „Wo wart ihr? Wo wart ihr, als sich ein Völkermord abgespielt hat?“

Und es sei daran erinnert: Die Konvention gegen den Völkermord beinhaltet die Prävention. Es geht um die Prävention. Es geht nicht darum zu warten, bis der Völkermord zu Ende ist, damit man sich bewegt. Man muss jetzt eingreifen, damit dieses Gemetzel ein Ende hat. Und deswegen: Erhebt eure Stimme weiter! Bleibt auf der Straße, denn ihr seid das Volk! Die Macht geht vom Volk aus. Und es geht nicht nur um Palästina, es geht nicht nur um Gaza. Es geht um eine Welt, in der wir das Ende der sogenannten regelbasierten Weltordnung erleben. Es hat in Gaza angefangen, und die Welt hat diesen Terror toleriert. Es ging weiter im Libanon und weiter im Iran, und weiter eventuell in Kuba—und Gott weiß, wo das noch hinführt, wenn wir schweigen. Und deswegen dürfen wir nicht schweigen, wir müssen unsere Stimme erheben!

Aber lasst mich auch noch eins sagen: Der Völkermord in Gaza hat vieles aufgedeckt. Die Rede über Presse- und Meinungsfreiheit in Europa hat sich als eine große Lüge herausgestellt. Menschen und Aktivisten in Österreich werden verfolgt, weil sie ihre Meinung sagen. Die Medien in Deutschland haben zehnmal mehr Zeit darauf verwendet, über einen gestrandeten Wal zu berichten, als über die Ermordung von Kindern und Frauen in Gaza. Wo sind wir? Wo sind wir? Das soll Pressefreiheit sein? Und deswegen sage ich und wiederhole ich: Es geht nicht nur um Palästina, es geht nicht nur um Gaza, es geht um die Zukunft der Menschheit. Wenn Israel weiterhin nicht zur Rechenschaft gezogen wird, werden andere Länder folgen.

Zum Schluss sage ich: Trotz allem werden wir die Hoffnung nie verlieren. Wir zweifeln nie daran, dass Palästina eines Tages frei sein wird; dass wir stolz als eine stolze Nation frei zwischen all den freiheitsliebenden Völkern stehen werden. Dieser Tag wird kommen, daran haben wir keinen Zweifel. Es lebe die Freiheit! Free Palestine, free!«


Video der gesamten Rede:
https://www.youtube.com/watch?v=nY6grhKc5_Q